Donnerstag, 23. April 2026

15 Jahre im Dienste der Bestie - Feliz Cumple Puerta del Sol

Seit einigen Wochen habe auf meinem "To Do"-Zettel irgendwo in der Mitte stehen "Schreib einen Text zum 15 Geburtstag von Puerta del Sol beginnend mit Marcus Havranek".
Jetzt ist der Tag gekommen, bisher habe ich keinen Text geschrieben.
Es war wieder so eine turbulente Zeit geprägt durch die Ambivalenz eines täglich ausreservierten Lokals, den menschlichen Herausforderungen eines versucht empathischen Arbeitsstils und der daraus resultierenden persönlichen Erschöpfung. Der ein oder andere Chupito Hausgetränk rund um die Sperrstunde löst zwar sofort wohlig warme Entspannung aus, aber in Summe trägt das nicht zur Eindämmung der Erschöpfung bei.
Die Puerta wird 15 und die Puerta ist toll. Die Menschen da drin sind nach wie vor toll, auch wenn sie teilweise nicht mehr dieselben sind wie vor drei Jahren, als ich den letzten Text über unser Lokal geschrieben habe. Ich bewundere uns alle, ich bewundere die Konstanz, ich bewundere das Lokal und die Institution dieses Kleinbetriebs. Wenn ich allein nach Sperrstunde, oder am Vormittag beim Ankommen oder am Nachmittag kurz bevor das Abendteam kommt kurz innehalte, mich irgendwo an einen der 14 Tische setze um noch einmal die Reservierungsanfragen durchzugehen, dann blicke ich auf das Lokal voller Liebe und Respekt. Ich mag die Kleinigkeiten, die Details, die über die Jahre gewachsen sind und die sich entwickelt, etabliert und verändert haben. Es gibt ein Werbeplakat der judäischen Volksfront am Weg zum Damenklo (Stichwort "Römer geht nach Hause"), es gibt einen dezent projizierten Schatten des "Tio Pepe" über der Bar, es gibt eine "Zona de Borrachos" (einen Bereich für Betrunkene), einen "Caganer" (einen kackenden Katalanen), ein Bild von Iker Casillas, eigenwillige Beschränkungen, an wen Alkohol ausgeschenkt wird, eine Küche, die kein Drama erlaubt, dafür Bildern von verbranntem Brot huldigt, eine Würdigung Emiliano Zapatas, eine "Ordenanza" dass das Ausspucken verboten ist etcetc...
Wenn ich mir diese Winkel und Plätze in der Tapas Bar Puerta del Sol so ansehe, dann bemerke ich aber auch, dass all diese unendlich lange Zeit, die so schnell vergangen ist,
dass all die Anstrengung, die uns so erschöpft hat,
all die Zeit, die ich nicht mit meinen Sohn, mit Caro, meiner Familie oder Freunden außerhalb der Gastronomie verbracht habe,
dort irgendwo verteilt liegt.
Die letzten 15 Jahre meines Lebens liegen wie ein festgetretener massiver Lehmboden in der Lange Gasse 52. Egal wann ich mich frage, warum ich eigentlich nicht "das" oder "dies" gemacht habe, liegt die Antwort unter irgendeinem Tisch in der Puerta.
Und es ist gut so.
Wenn meine Großmutter Radln hätte, wär sie ein Autobus. Wenn sich Caro und ich nicht für die Puerta del Sol entschieden hätten, hätten wir diese unzähligen genialen Momente und diese unzähligen genialen Menschen nicht kennengelernt, die als ganzes mehr sind als ihre Summe.
Womit wir wieder beim Anfang sind:
Mit Marcus Havranek war ich in der Schulklasse, wo wir nicht besonders oft miteinander zu tun hatten. Dennoch hat uns nach mehr als einem Jahrzehnt Pause die Puerta wieder zusammengeführt. Zuerst als Gast, jetzt als Webmaster, weil er einen eigenen Server hat und alle unser Mailadressen und die Websites von Puerta und Catering dort liegen. Ohne ihn hätte ich die Websites nie annähernd so zusammenschustern können, wie das passiert ist. Und wenn meine Mailantworten wieder einmal zu oft im SPAM der Gäste landen ist es auch er, der sich konstant darum kümmert.
Apropos Konstanz: seit 15 Jahren und schon vorher ist es der Otzlberger, der wöchentlich 52 Mal im Jahr die Erdäpfln, den Zwiebel und die Eier bringt. Auch er ist einer derjenigen, die "man" nicht sieht, aber die immer schon da sind.
Aziz ist 2015 aus Afghanistan gekommen. Er war damals einer von denen, die sich in der Votivkirche verschanzt haben und nachher vom Kardinal Schönborn eine Wohnung im 22ten bekommen hat, um sich einen neuen Anfang zu ermöglichen. Seit 2019 ist er einer derjenigen, die am öftesten und konstantesten immer da sind und die Puerta zu dem machen, was sie ist.
Pilar kommt vom westlichsten Teil des Nordwesten von Spanien und hat noch nie in der Gastroniomie gearbeitet. Sie ist Mathematikerin und hat sich trotzdem bei uns beworben. Nachdem zu dem Zeitpunkt schon die großartige Griechin Elpiniki bei uns gearbeitet hatte, die eigentlich Neurobiologin ist, konnte ja gar nichts schief gehen. Außerdem weist Pilar die unglaubliche Fertigkeit auf, die derbsten nordwestspanischen Schimpftiraden als Dampf abzulassen, um eine Sekunde später die süßest freundliche Laune auszustrahlen. Kurz: Pilar arbeitet mittlerweile sowohl am Nachmittag, also auch am Abend.... wie so viele andere natürlich nicht für immer, weil sie ja Mathematikerin ist und auch einen entsprechenden Job möchte, aber in der Zwischenzeit ist sie eine derer, die ihren genialen Wahnsinn beitragen um die Puerta zu dem zu machen, was sie ist.
Andi ist eigentlich auch Historiker, doch auch ihn hat die Puertabestie so süß-gewaltsam umarmt, dass er der fixe Vizepräsident ist und es ermöglicht, dass Caro und ich Urlaub machen können, ohne zuzusperren.
Für Leandro war Gastronomie eigentlich auch nie eine lange Option, aber auch er ist seit lange vor Corona fixer Bestandteil der Puerta-Familie und ist einer derer, die dafür hauptverantwortlich sind, dass sich das Puerta-Team auch außerhalb der Arbeitszeiten (egal ob nach Sperrstunde oder am Sonntag auf der Insel zum Grillen) trifft.
Ein weiterer dieser fixen Bestandteile ist natürlich Rocko Jorge aus Cartagena, der seit Jahren in der warmen Küche die Stellung hält. Auch wenn es nie der Plan war, in Wien zu bleiben und er schon öfter seinen Abschied in einem halben Jahr angekündigt hat, ist er immer noch da und mehr als je zuvor. Schließlich ist auch vor drei Jahren sein Sohn Arturo hier geboren worden, was eine gewisse Dosis Konstanz in seine Wiener Diaspora gebracht hat. Erwähnt sei an dieser Stelle auch unsere legendäre "Hangover"-Reise zu dritt mit Leandro letztes Jahr nach Madrid zum Konzert der argentinischen 80er Metal Band Rata Blanca.
Ruben aus Katalonien und Shaheen aus Afghanistan komplettieren das Diaspora-Küchenteam. Auch sie beide sind seit Langem nicht mehr wegzudenken.
Dann gibt es noch Wiederholungstäter wie Thales aus Kärnten oder Matze aus Wien oder Gabs aus Brünegg oder Pablo aus Grieskirchen, die der "Bestie" dann immer wieder ihre Arbeitskraft leihen wenn die Bestie oder sie selbst es brauchen und uns auch privat, wie so viele andere Ex-KollegInnen beehren und erfreuen.
Und irgendwo still und heimlich reiht sich dann noch der Maschinenbaustudent Sergio aus Kolumbien irgendwo ein... kaum jemand vom Abendteam bekommt ihn je zu Gesicht, weil er am Vormittag mit Caro und Pilar Empanadas auf Vorrat produziert - quasi Teigtascherlmafia.
Ganz neu dabei sind Agustina, die die Liebe aus Rosario (Stichwort Messi) nach Wien verschlagen hat und die Kunstlerin Theresa.
Ich schreibe zu lange Texte... aber es gäbe noch so viele Leute zu erwähnen: den pfeifenden Luis aus Elche, den Daniel, der den Mittwochs-Flamenco etabliert hat, den "blonden Engel" Martin, der immer irgendwo auftaucht und immer etwas beruhigendes zu sagen hat, oder auch den Stinkegast, dessen Namen wir nicht kennen, aber der es immer wieder schafft, dass niemand im selben Raum sitzen möchte, wie er (ja, das ist ein Probelmchen, dem wir uns stellen müssen).
Elisabeth, unsere Hausbesitzerin (Stichwort Alltagsgschichten Donauinsel) muss erwähnt werden. Seit Jahren kommt sie jeden Abend Zigaretten schnorren, sodass das Team mittlerweile schon extra Packerl für sie kauft. Ab und zu, wenn sie gut drauf ist, steckt sie einem Kellner Geld zu, um das nächste Packerl für sie zu kaufen.
Es gab so viele SchülerInnen, die als 13jährige ihre berufspraktischen Tage bei uns gemacht haben, wie z.B. Adrian, Luca, Paul oder Elena. Da ist Manuel und Alberto Santana, die uns Pimientos de Padron, Jamón Serrano und so viel mehr wöchentlich bringen. Der Somelier Wolfgang Jiresch, dessen Weinberatung ich blind vertraue, genauso wie Gawein Bruckner. Maria, die Geigerin des RSO, die uns um 2 in der Früh im leeren Lokal Vivaldi auf ihrer Geige aus dem 18ten Jh. vorgespielt hat. Da ist Assadour, Georg Vanicek und so viele andere Freunde, Gäste und Wiederholungstäter... und da sind dann natürlich auch diejenigen, die nicht mehr kommen können, weil sie entweder zu weit weg wohnen wie die ewige Roswitha... oder die vor bald 10 Jahren verstorbene Hedi...
Oder derjenige, der auch heute Geburtstag hat und auf immer bei uns und auch in unserem Lokal bleibt: mighty Stefan Lukabauer.

Ich stoße auf alle an, die durch ihre Arbeit oder ihre Anwesenheit die Puerta zu dem machen, was sie ist.

ALLES GUTE Tapas Bar Puerta del Sol!

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